Ich muss die Beschreibung meiner engeren Familienmitglieder weiterführen.Die Beschreibung meiner Mutter ist fast so schwierig wie die meiner Beziehung zu meiner Schwester.

Meine Mutter kam 1929 in Leipzig zur Welt. Wahrscheinlich ist sie dann irgendwann mit meinen Großeltern nach Breslau gezogen und hat prägende Jahre ihrer Jugend unter dem Naziregime verbracht. Zur Erinnerung: ihr Vater war bei der Kriminalpolizei in Wroclaw. Irgendwann gegen das Ende des Krieges sind sie geflohen und landeten im Osten Deutschlands, was später zur DDR wurde. Ich denke, hier hatte sie einige prägende Erlebnisse, aber das weiß ich nicht genau. Später floh die Familie weiter zum Priwall bei Lübeck und blieb dann in der Stadt.

Um 1950 herum lernte meine Mutter meinen Vater kennen, der Musiker war wie ihr Bruder, mein Onkel. Er hat sie miteinander bekannt gemacht. Anfang 1951 haben sie geheiratet, ich vermute mittlerweile, dass es deswegen war, damit ich als eheliches Kind auf die Welt komme.

Meine Mutter wurde dann im wesentlichen Hausfrau und betreute uns Kinder. Ich denke, sie war nicht glücklich damit. Soweit ich weiß, hatte sie Kindergärtnerin gelernt und wäre sicher auch gerne in den Beruf gegangen. Das war aber in den fünfziger Jahren wohl keine Option. Auch wenn mein Vater als Musiker wahrscheinlich nicht genug verdiente, um die Familie über Wasser zu halten.

1957 zogen wir dann nach Hamburg in eine Wohnung der Bundeswehr, da mein Vater einen Job als Musiker in Hamburg beim Musikkorps 6 der Bundeswehr angenommen hatte. Ich hab nur wenig Erinnerungen aus der Zeit davor, aber einige mehr danach. Eine war vielleicht merkwürdig, in all den Jahren, in dem wir klein waren, gab es immer Pakete aus der damaligen DDR von einem Professor Anders (?), über dessen Verhältnis zu unserer Familie nie so richtig geredet wurde. Ich weiß nicht, ob mein Verdacht richtig ist. Aber ich denke, dass das jemand war, den meine Mutter in ihrer kurzen Zeit in der sowjetischen Besatzungszone kennen gelernt hatte und den sie richtig mochte. 

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Soweit ich weiß, wurde meine Mutter immer als gesellig, umgänglich, und freundlich angesehen. Sie hatte aber auch andere Seiten. Als Allergikerin bestand sie auf einer speziellen Diät. Sie besorgte sich also zum Beispiel Rndertatar und wir durften nichts davon essen, bekamen anderes Zeug. Offensichtlicher wurde es bei den Getränken. Sie sagte, sie könne nur Limonade vertragen, damals Silvettalimonade Geschmacksrichtung Zitrone. Meine Schwester und ich durften bei Strafe nicht rangehen. Man kann sich vorstellen, was das mit Kindern macht. Ich war dann immer eher brav, meine Schwester nicht. Sie nahm manchmal eine Flasche aus dem Kasten und trank. Die angebrochene Flasche versteckt sie dann zum Beispiel hinter dem Vorhang. Öfter genug kam das raus.

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Die zweite Sache: meine Mutter übertrug ihre Ambitionen auf uns Kinder und wollte dafür sorgen, dass wir das alles erfüllten, was sie sich leicht erträumt hatte. Dazu gehörte Musikunterricht von klein auf, bei mir zuerst Blockflöte und dann Klavierunterricht, bei meiner Schwester zumindest Klavierunterricht. Obwohl ich Schwierigkeiten mit meiner linken Hand hatte, kein Wunder bei der überstandenen Polio, dachte ich immerhin zu einem Klavierkonzert auf dem Gymnasium. Es war aber absehbar, dass es bei mir nicht weiter ging, also konzentrierte sich unsere Mutter auf meine Schwester. Mir kam das gelegen, da sie dann Priorität am Klavier hatte und ich Gründe hatte, nicht mehr so richtig zu üben. Petra brachte es soweit, dass sie an einem Landesmusikwettbewerb in der Hamburger Musikhalle teilnahm, wo sie den sechsten Platz belegte.

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Das war auch so bei den schulischen Leistungen. Wenn was noch nicht klappte, dann gab es mit dem Kochlöffel auf die Finger oder mit dem Teppichklopfer auf den Hintern. Bei mir war es etwas weniger, weil ich in den normalen Fächern ich meine Leistung brachte. Aber zum Beispiel für den Kunstunterricht musste ich Sachen mit nach Hause nehmen und meine Mutter saß dann dabei, wenn ich eine schiefe Vase töpferte. Als meine Sportnote nicht gut genug war, wurde ich in einem Leichtathletikverein angemeldet, nicht, wie ich gewollt hätte in einem Fußballverein. Fußball spielen galt als proletarisch Ich muss aber sagen, im Sport hat es geholfen, ich wurde erheblich besser.

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Meine Mutter hat leider etwas erreicht: in meinem weiteren Leben fehlte häufig die Eigenmotivation, ich wurde immer erst auf Druck gut darin, Sachen zu erledigen. Im Alter von 15 oder 16 wurde es mir zu viel, ich weiß nicht mehr, über welcher Gelegenheit. Aber ich machte etwas ungeheuerliches: ich gab meiner Mutter eine Ohrfeige. Danach hatte ich letztlich meine Ruhe, es passierte sogar etwas Merkwürdiges. Meine Mutter schien stolz auf mich zu sein, sogar, als ich in einer Schulversammlung als Rädelsführer bei einem Schuhlstreik namentlich genannt wurde . Vielleicht ging es aber nur damit zusammen, dass ich auf Vorschlag der Schule mitten im Schuljahr von der neunten in die zehnte Klasse wechseln durfte. Als ich dann Auszug und zum Studium nach London ging, schaffte sich meine Mutter nach ihrer eigenen Aussage einen Cockerspaniel ein als Ersatz für mich.

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Meine Schwester dagegen erlebte die Härte des Regimes. Wahrscheinlich, weil sie sich mehr widersetzte als ich. Sie nahm sich Freunde, die meine Mutter missfielen, sie musste mehrmals die Schule wechseln und machte schließlich Abitur auf einem evangelischen halbprivaten Gymnasium. Zum Höhepunkt kam es, als sie sich einen katholischen Freund nahm. Meine Mutter war zutiefst evangelisch, oder tat so. Wir mussten jeden Sonntag in den Kindergottesdienst, wurden natürlich auch konfirmiert. Danach war für mich mit der Kirche Schluss. Meine Schwester hielt an ihrem katholischen Freund fest, heiratete ihn später und bekam zwei Kinder. Ironie des Schicksals: er verließ sie dann für eine andere Frau, als sie über 60 war.

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Meine Mutter starb im Alter von 52, an ihrem zweiten Herzanfall, hervorgerufen durch die Schwächung  ihres Herzens wegen des Asthmas. Beim ersten konnte mein Vater sie noch wiederbeleben, beim zweiten leider nicht.

Disclaimer: ich glaube, dass meine Erinnerung weitesgehend korrekt ist. Andererseits ist bekannt, dass Erinnerungen täuschen können.